Interview

Ist Jugoslawien besiegt?

jW sprach mit Klaus Hartmann, Präsident der Weltunion der Freidenker

F: Sie sind dieser Tage nach Belgrad gekommen zu einer internationalen Konferenz zur Erinnerung an den Beginn der NATO-Aggression gegen Jugoslawien vor zwei Jahren. Wie kam es zu der Einladung in die jugoslawische Hauptstadt?

Es ist für mich eine Ehre, vom Belgrad-Forum eingeladen worden zu sein. Ich wurde eingeladen als Präsident der Weltunion der Freidenker. Und ich bin hier aus Solidarität mit dem jugoslawischen Volk. Es ist ein Gefühl, das von Herzen kommt. Alle ausländischen Teilnehmer dieser sehr erfolgreichen und ermutigenden Konferenz hatten, glaube ich, das gleiche Gefühl. Wir sind hier ungeachtet der Ereignisse vom 5. Oktober und der Veränderungen in Jugoslawien. Es ist eine Frage von festen Überzeugungen, die man nicht einfach unter anderen Umständen über Bord wirft. Die Erinnerung an den brutalen Angriff der NATO wachzuhalten, ist lebenswichtig nicht nur für das jugoslawische Volk, sondern für die ganze Welt.

F: In Ihrem Konferenzbeitrag sprachen Sie von der Notwendigkeit, »der Kriminalisierung des Widerstands« ein Ende zu bereiten.

Die NATO hat die Bombardierung Jugoslawiens mit unverfrorenen Lügen gerechtfertigt. Die meisten dieser Lügen sind entlarvt oder werden noch entlarvt werden. Das hat logischerweise Folgen. Die NATO bemüht sich nun, die letzten Fetzen von Legitimität zu retten. Man will ein Exempel statuieren. Damit soll zugleich die Möglichkeit weiterer Kriege in Verletzung der UNO-Charta offengehalten werden. Dies ist der Sinn der Bemühungen, den ehemaligen jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic vor das Straftribunal in Den Haag zu bringen, und damit zugleich das ganze Widerstand leistende Serbien zu verurteilen. Dies würde ganz allgemein den Widerstand gegen die neue Weltordnung kriminalisieren - es soll nicht erlaubt sein, Widerstand zu leisten, sein eigenes Land zu verteidigen oder selbst zu entscheiden, unter welchem System man leben will. Die Herren der kapitalistischen Globalisierung wollen dir erklären, was du zu tun hast und wie du es zu tun hast.

Es handelt sich hier für die Friedensbewegung der ganzen Welt um eine Frage von grundsätzlicher Bedeutung. Es ist eine Frage der Erhaltung des Friedens in der Zukunft. Worum es geht, ist nicht Milosevic, gleich, wie man ihn beurteilt. Die Kriminalisierung eines ehemaligen Staatspräsidenten durch die NATO-Regierungen ist eine Herausforderung der Friedensbewegung.

F: Sie sind mit Milosevic vor zwei Tagen zusammengetroffen. Wirkt er auf Sie wie ein gejagter Mann?

Keineswegs! Er wirkt außerordentlich entspannt und in sehr guter Verfassung. Ich freue mich, das sagen zu können. Wir hatten eine lange und konzentrierte Diskussion über verschiedene Themen. Er wiederholte seinen bekannten Standpunkt, daß die Verteidigung der Souveränität des eigenen Landes kein Verbrechen ist. Er wirkt weder verbittert noch über das serbische Volk enttäuscht, wenn er sagt, daß die Menschen Zeit brauchen, um ihre Erfahrungen mit der DOS- Regierung zu machen. Allmählich werden sie merken, was an den leeren Versprechungen dran ist. Ganz realistisch - aber mit Optimismus ist der ehemalige jugoslawische Präsident davon überzeugt, daß dies die Zeit für ein Comeback der Sozialistischen Partei Serbiens sein wird, durch die Organisation des sozialen Protests und in der Verteidigung sozialer Rechte.

F: Sie haben Belgrad mehrfach vor den »demokratischen Veränderungen« des 5. Oktober besucht und einmal danach. Welche Unterschiede sehen Sie?

Gewaltige Veränderungen sind festzustellen, allerdings können sie nicht als Fortschritt bezeichnet werden. Rückschritt wäre ein passenderer Ausdruck. Die Menschen Belgrads lächeln nicht mehr! Sie sehen besorgt und düster aus. Vielleicht haben sie ihre Hoffnungen verloren. Die Versprechungen eines besseren Lebens sind unerfüllt geblieben. Ich denke, daß die Leute hier schon angefangen haben, die gewaltige Diskrepanz zwischen den Versprechungen der neuen Regierung und der Wirklichkeit zu erkennen und an ihrer eigenen Haut zu spüren. Vielleicht fühlen sie sich verraten und verkauft.

Die Demonstration in der Belgrader Innenstadt am Samstag war großartig und ermutigend. Weit über 10 000 Menschen kamen zusammen, um des 24. März zu gedenken, an dem vor zwei Jahren die Bombardierungen begannen. Sie trauerten um ihre Toten und bezeugten den Verteidigern ihre Landes Hochachtung. Das zeigt deutlich, daß Jugoslawien weder vergessen noch vergeben hat, daß das jugoslawische Volk weder besiegt noch eingeschüchtert ist.

F: Teilen Sie die Ansicht von Milosevic über die Chancen der Sozialisten für eine Wiederkehr an die Macht?

In der unmittelbaren Zukunft wird es keine Massenproteste geben. Das glaube ich nicht. Die Menschen sind verwirrt und vielleicht auch der Proteste und Kämpfe müde. Sie können keine gute Lösung erkennen. Aber schließlich werden die Proteste einsetzen, vielleicht zunächst auf lokaler Ebene. Es wird allerdings Zeit brauchen, diese in eine soziale Bewegung zu verwandeln. Es stellt sich die Frage: Ist Zeit genug, bevor DOS das ganze Land für ein Taschengeld verkauft haben wird?

Interview: Klaus von Raussendorff, Belgrad
junge Welt vom 26.03.2001


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